Soulopener – Was Hunger mit uns macht

„Die sind so langsam.“ „Die schaffen es nicht mal einen Termin einzuhalten.“ „Die sind faul.“ Ich bin in einem südlichen Land aufgewachsen – eine Insel, auf der 90% des Jahres an manchen Stellen die Sonne scheint. Als ich nach Österreich gekommen bin, bin ich mit vielen Vorurteilen konfrontiert worden. Obwohl ich auf der damaligen (und heute wieder) Lieblings-Urlaubsinsel Teneriffa aufgewachsen bin. Was immer mit den Südländern ist, die Nordländer sagen zu ihnen, dass sie faul sind. Eine der zahlreichen Schubladen, welche von der Menschheit gegründet wurde, um andere Menschen hineinzustecken. Ich habe mich immer gewundert, warum die Menschen das so sagten und vor allem, warum sie damit nicht nur Teneriffa meinten, sondern gleich mal den gesamten afrikanischen Kontinent. Und dann kamen natürlich Südamerika, Asien und am besten alle Länder der dritten Welt noch dazu. Wenn ich gesagt habe, dass wohl ein großer Unterschied besteht zwischen einem Dritte Welt Land und den kanarischen Inseln, hat man mich oft ignoriert – ihr seid alle gleich. Nein, sind wir nicht. Wir hatten immer was zu essen. Die Frage hat mich aber nicht losgelassen – nämlich warum agieren wir alle so unterschiedlich auf dieser Welt? Und was hat es mit dem Essen auf sich – so ganz genau? Als ich (glaube ich) auf der Uni das erste Mal die Maslowsche Bedürfnispyramide gesehen habe, war ich sehr dankbar. Eine, nein, recht viele Antworten habe ich da gefunden die mir ein bisschen mehr das menschliche Verhalten erklärt haben. (Viel zu spät – das sollte eigentlich Schulstoff zur Lebensbildung sein, auch wenn sie sicher nicht das Gelbe vom Ei ist – sie gibt eine Übersicht der Bedürfnisse, die wir als Mensch haben) Der Anfang einer Reise – weil wer den Menschen und sich selbst besser verstehen möchte, muss da noch einige neue Wege beschreiten – vor allem in sich selbst.

Physiologische Bedürfnisse – der Hunger

Wenn ich unter Hunger leide, werde ich grantig. Nicht ein bisschen, sondern eher wie ein Löwe der brüllt. Ich finde plötzlich Ausdrücke in meinem Kopf, die ich noch nie verwendet habe und bin messerscharf in meiner Themenauswahl. Messerscharf, weil ich mein Gegenüber gezielt in irgendeinen wunden Punkt treffe. Die Unterzuckerung in meinem Körper führt dazu, dass ich zittere und meine Gehirnströme werden zuerst aufmüpfig und danach elendig langsam. Aber ich lebe in einem Land, in dem ich mich drei Mal umdrehe und schon etwas zu Essen finde und diesem elendigen „Impuls der Panik“ im Gehirn ein Ende machen kann. Das können die meisten Menschen auf dieser Welt ja nicht. Wer diesen Prozess länger durchmacht wird sich irgendwann zurückziehen und apathisch – es fehlt einfach die Kraft.

Was bei Hunger im Körper passiert

Das Zentrum unserer Steuerung ist unser Gehirn. Das Hungerzentrum liegt im Hypothalamus, der, sobald er Hunger erkennt, uns mit Adrenalin zur Suche nach Nahrung animieren möchte. (Das ist wohl meine schlechte Laune und Hektik) Wenn das nicht funktioniert, dann hat unser Gehirn einen Plan B: Unser Gehirn braucht Zucker (Glucose), um zu funktionieren. Im Hunger-Fall zieht das Gehirn die Reißleine, indem es die Insulinausschüttung stoppt. Damit kann keine Glucose in die Muskeln gelangen und das Gehirn nährt sich weiter – zuerst von dem Zucker und wenn keiner mehr da ist vom Eiweiß und anschließend vom Fett. Die Muskelmasse schwindet, dann das Fett in dem sich der Körper von Fettsäuren (Keton Körper) ernährt. Wenn dieser ganze Prozess anhält, dann greift das Gehirn auch auf das Herz zurück. Daneben werden bestimmte Dinge vom Körper abgeschaltet: das Immunsystem, der Schutz der Haut. Ohne Essen überleben wir ca. 3 Monate, wenn unser Körper es geschafft hat auf den „Hungerstoffwechsel“ umzustellen und sich von Keton Körper ernähren kann – was nicht der Fall ist, wenn jemand an Malaria oder anderen Krankheiten erkrankt. (Genauer nachzulesen; http://www.dw.com/de/so-reagiert-der-k%C3%B6rper-auf-hunger/a-6641241)

 

Langsam? Nichts auf die Reihe bekommen?

Wenn man in einem Land sitzt in dem man zum nächsten Supermarkt gehen muss um Nahrungsmittel zu kaufen, und ein Sozialsystem, das diesen Einkauf bezahlen kann (ja, es gibt trotzdem Menschen, die bei uns auch hungern), wenn man es nicht kann, dann ist das alles schwer vorstellbar. Es gibt viele Dinge die unsere Welt „vergiften“: Vor allem die Vorurteile, die falsche Information und das Unbewusstsein und Unverständnis für Menschen, die unter ganz anderen Lebensumständen leben müssen als wir. Es gibt aber für alles eine Erklärung, die Sinn macht. Und eine Erklärung, die ich hier geben mag: Ein Mensch oder gar eine ganze Gesellschaft die kaum etwas zu Essen hat, kann nicht mehr machen, als zu schauen, dass sie Essen bekommen. Und da geht es nicht um eine bewusste Entscheidung (die braucht viel zu viel Glucose – und dazu werde ich hier noch ein Beitrag schreiben), sondern darum wie sie die Symptome, die ihr Körper hat, lindern. Und solange das so ist, ist eben alles langsam und alles andere auch nicht so wichtig. Das würden wir in dieser Situation auch so sehen. Wer das nicht glaubt, der sollte sich unbedingt auf Netflix „Living on One Dollar“ ansehen. Hier wird einem nicht nur gezeigt, was Hunger bedeutet, sondern auch, was es bedeutet in diesem Zustand mit einem unregelmäßigen Job, Krankheit und vielem mehr konfrontiert zu sein. Und außerdem, wie eine Gemeinschaft nur von einem Menschen, der ein regelmäßiges Einkommen hat, profitiert oder wie Menschen in ihren Gemeinschaften es schaffen auch zu überleben. (was ich wunderschön fand, weil die Selbstlosigkeit einfach wunderschön ist und meine größte Bewunderung erhält)

 

 

Worum geht es mir hier eigentlich?

Ich habe oben einen ziemlichen Spagat geschlagen bei der Erklärung, wie ich persönlich zu diesem Thema gekommen bin. Das ist allerdings mehr als 20 Jahre her, seitdem ich den Gedanken als Teenager in den ersten Absätzen dieses Artikels gehabt habe. Und in den Jahren habe ich viele Zugänge dazu gefunden, die wohl keinen Platz hier haben, weil sie zu kompliziert wären. Aber wie auch immer – egal von welcher Seite man es betrachtet: Hunger ist etwas Furchtbares. Auch wenn man es nicht als Krankheit definiert – für mich ist es eine. Eine Erkrankung unserer Welt – von 10 Menschen auf der Welt muss einer hungrig ins Bett gehen (mehr Infos darüber: http://de.wfp.org/hunger/hunger-statistik). Wir kennen aber alle diese Zahlen und Fakten, wir sehen sehr oft Bilder von hungernden Menschen. Aber ich habe manchmal den Eindruck, dass wir oft verdrängen, was das eigentlich bedeutet. Was Hunger oder auch nur die Gefahr von Hunger so mit uns macht. Für die hungernden Menschen wäre es das Beste, keinen Hunger mehr zu haben – um sich selbst weiter zu entwickeln, um sich mit mehr Dingen zu beschäftigen, als nur, wie sie den Hunger abschalten können.

Aber wir, die erste Welt, wir verlangen von solchen Menschen und Ländern, dass sie sich beschäftigen mit Themen wie Klimawandel, Korruption im Anbau, Regenwälderrodungen. Wirklich? Würdest du dich mit dem Thema beschäftigen, wenn du eigentlich nicht weißt, ob du dir, deinem Kind oder deiner Familie morgen was zu essen geben kannst?

 

Wir können vielen Dinge auf dieser Welt nicht einfach so ändern. Es gibt aber Probleme, die kann man ändern – und dazu gehört der Hunger. Und ich bin wirklich überzeugt, dass wenn man dem Hunger ein Ende macht, wir (die Menschheit) uns weiterentwickeln werden – weit mehr als es in unserer Vorstellungskraft liegt. 

 

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